8. Mai 1945 - Tag der Erinnerung und Verantwortung!


Am 8. Mai 1945 geht der zweite Weltkrieg zunächst in Europa nach 2077 Tagen mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands zu Ende (in Asien wird er noch bis zum 2. 9.1945 dauern). Das Land, das den Krieg am 1.9.1939 begonnen hat und die Schuld an über 75 Millionen Toten, darunter 6 Millionen ermordeter Juden trägt, ist endlich besiegt und die unmenschliche nationalsozialistischen Gewaltherrschaft endgültig zertrümmert. In den letzten Monaten vor der Kapitulation wütete das entfesselte Regime, sein nahendes Ende vor Augen, noch einmal besonders mörderisch, auch gegen die eigene Bevölkerung.

In den Maitagen vor 75 Jahren atmeten Millionen von unterdrückten und verfolgten Menschen, die die Nazityrannei überlebt hatten, erschöpft auf. Für sie, die im Widerstand mutig ihr Leben wagten, die untertauchen konnten, in den Konzentrationslagern leiden und in der Kriegsindustrie und Landwirtschaft schuften mussten, war es ein Tag der Befreiung.

Die wohl meisten Deutschen waren froh, dass sie übrig blieben, wie man damals oft zum Abschied sagte. Für die vielen Mitläufer und Opportunisten war es eine Zeit großer Beunruhigung, weil sie noch nicht wussten, wohin sie ihr Fähnchen nun halten sollten. Doch für die nicht wenigen Täter, Regimetreuen und Militärs war es ein Tag der Niederlage und Schande, obwohl sie diese nicht auf ihr verbrecherisches Verhalten bezogen.

Nur wenige von ihnen wurden angeklagt und verurteilt, einige prominente Nazis zu Recht auch zum Tode, doch viel zu viele kamen ungeschoren davon und konnten im Nachkriegsdeutschland wieder Karriere machen. Ehemalige Blutrichter sprachen weiter Urteile, Durchhalteoffiziere stolzierten dreist mir ihren Ritterkreuzen umher und so manch einer von „Hitlers Helfern“ beriet die Regierung und verkaufte Memoiren in Millionenhöhe. Ihnen allen gemeinsam war, dass sie von Befehlsnotstand sprachen, von nichts gewusst hatten und auf Verjährung drangen.

Ihre überlebenden Opfer aber krankten ob ihrer unvorstellbaren Qualen lebenslang an Körper und Seele, ihre Traumata waren so tief, dass auch ihre Kinder und Enkel daran litten, sie stießen auf eine abweisende Umwelt, die von den Verbrechen nichts wissen wollte und mussten für ein kleines bisschen Entschädigung, die oft den Namen nicht verdiente, demütigende Bittgänge zu hartherzigen Beamten antreten.

Vor diesem Hintergrund war die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 im Bundestag wegweisend, weil er erstmals klar aussprach, dass der 8. Mai 1945 „für uns alle“ ein „Tag der Befreiung“ vom „menschenverachtenden System der NS-Gewaltherrschaft“ war und, genauso wichtig und richtig, der 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 zu trennen wäre. Diese „Befreiungsrede“ bewegte mich als jungen Mann sehr, weil sie für viele eher links, liberal und wertkonservativ denkende Menschen die Nazi- und Kriegszeit die zeitgeschichtliche Rezeption zurechtrückte und den in den 80ern durchaus noch vorhandenen alten Reaktionären beherzt vor ihren inneren Stahlhelm trat.

30 Jahre nach Weizsäckers Rede stellt sich angesichts der Tatsache, dass deutschnationales, rechtsradikales Gedankengut Partei geworden ist und diese Partei namens AfD alles unternimmt, eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ zu erzwingen, die Frage, ob wir heute immer noch so vorbehaltlos von einem Tag der Befreiung reden können. Schließlich waren es die Deutschen, die den Krieg angezettelt und brutalstmöglich geführt haben. Historisch objektiv betrachtet ist es doch so, dass die Opfer befreit wurden und nicht die Täter und machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir uns quasi selbst begnadigen? Noch dazu wenn man bedenkt, wie dröhnend das schamhafte Beschweigen um die deutschen Verbrechen war, welche Diskussionen um Schlussstriche geführt wurden und wie oft versucht wurde den Holocaust zu leugnen oder zu relativieren. Sind das Debatten, die Befreite führen, die dankbar dafür sein sollten und sich ihrer Verantwortung bewusst sind?

Eine von der ZEIT in Auftrag gegebenen Umfrage des Instituts policy matters befragte Anfang des Jahres 1044 Frauen und Männer nach ihren Einstellungen zur NS-Zeit und zum Ende des Zweiten Weltkriegs, was folgendes widersprüchliches Meinungsbild ergab: 53 % der Befragten wollen einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen, aber 77 % halten es für ihre Pflicht, die NS-Herrschaft und den Holocaust nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. 66 % wollen mehr über die NS-Geschichte erfahren, doch 59 % finden es übertrieben, dass ihnen das Thema so oft in den Medien vorgehalten wird.

Diese Einstellungen und auch die 53-prozentige Zustimmung der Aussage „Die Masse der Deutschen hatte keine Schuld, es waren nur wenige Verbrecher, die den Krieg angezettelt und die Juden umgebracht haben“ drücken eine Ambivalenz aus, die anscheinend ein „deutscher Normalzustand“ ist. Die Erinnerungskultur der Republik kann man als eine Errungenschaft betrachten, wenn man sie als ein unablässiges Ringen der Gesellschaft und jedes einzelnen mit sich selbst begreift.
Doch diese Erinnerungskultur, wenn man sie als einen immerzu lernenden, in der Verantwortung stehenden Prozess versteht, ist unter Druck geraten, insbesondere durch die Angriffe von Rechtsaußen. Aussagen von AfD-Oberdemagogen über Mahnmale der Schande, die tollen Leistungen der Wehrmacht und die Fäkaleinschätzung der NS-Zeit als Vogelschiss in der deutschen Geschichte scheinen ihre Wirkungen nicht zu verfehlen, wie die oben skizzierten Meinungsbilder nahelegen.

Allerdings wächst auch die Gegenwehr zu diesen erinnerungspolitischen Roll-Back-Versuchen: Sonntagsreden werden zunehmend kritisch hinterfragt, die Gedenkstätten im Land erfreuen sich regen Zulaufs und viele Menschen wissen genau, was an Demokratie, Vielfalt und Toleranz auf dem Spiel steht, wenn sich die neuen Menschenfeinde durchsetzen. Insofern gibt die Untersuchung auch Anlass zur Zuversicht, wenn 74 % der Bundesbürger angeben, dass die Beschäftigung mit der Nazizeit sie für Ausgrenzung und Ungerechtigkeit sensibilisiert habe und 76 % der Befragten der Hoffnung Ausdruck verliehen, aus der Geschichte lernen zu können.

So ist der 8. Mai 1945 für die von den Nazis Unterdrückten und Verfolgten ein lang erhoffter Tag der Befreiung. In der Nachschau kann man diesen einschneidenden Tag für die Deutschen als „das Ende von etwas Schlechtem und den Anfang von etwas Besserem“, als Chance für einen Neubeginn betrachten.

Für uns heutige sollte der 8. Mai ein Gedenktag der Verpflichtung zur Erinnerung und zur Verantwortung ein. Gerade vor dem Hintergrund des Endes der Zeitzeugenschaft und den neuen völkisch-nationalistischen Gefahren sind wir es den Opfern und Überlebenden schuldig, dass wir uns erinnern und in Solidarität mit allen Unterdrückten und Verfolgten in der Welt alles für ein „Nie wieder!“ tun, welche Ausformungen die wie auch immer ideologisch verbrämte Menschenfeindlichkeit hat.

„Hass ist eine schreckliche Sache, egal von wem und nach welcher Seite. Wir können nur versuchen zu informieren und die Menschen zueinander zu bringen, statt auseinander.“

Rolf Kralovitz (1925–2015), deutscher Überlebender des KZ Buchenwald, Schauspieler, und Filmproduzent

Verwendete Literatur:

  • Volker Hage: „Der Chor der Stummen“, DER SPIEGEL 7/2005
  • Alexander Neubacher: „Kein Tag der Befreiung“, DER SPIEGEL Nr. 19/2.5.2020
  • Alice Bota u.a.: „1945 – Der Tag, der die Welt veränderte“, DIE ZEIT, Nr. 17, 16.4.2020
  • Christian Staas: „Das Ende der Selbstgewissheit“, DIE ZEIT Nr. 19, 29.4.2020
  • Der Bundespräsident: Gedenkveranstaltung im Plenarsaal des Deutschen Bundestages zu, 40. Jahrestag des Endes des
    Zweiten Weltkrieges in Europa, c) 2020 Bundespräsidialamt
  • Berthold Brecht, „Kriegsfibel“, Berlin 1955
  • Herman Glaser „1945 – ein Lesebuch“, Frankfurt a.M. 1995, S.12, zitiert nach R.M. Müller, „Über Deutschland“, Freiburg
    imBreisgau 1965

Weiterführende links:
https://www.zeit.de/ns-umfrage,
https://www.dievielen.de/erklaerungen
https://www.thueringer-erklaerung.de/,
https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2020/04/berlin-gedenken-75-jahre-ende-zweiter-weltkrieg-8-mai-feiertag.html
https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article207662479/Kapitulation-1945-Niederlage-Untergang-oder-Befreiung.html
https://duesseldorf.vvn-bda.de/2020/01/11/75-jahrestag-8-mai-1945-tag-der-befreiung-chance-fuer-frieden-und-demokratie/
https://www.volksbund.de/en/meldungen/aktuelles-artikel/news/der-8-mai-1945-ein-tag-der-befreiung.html